Nach 30 Jahren geht eine Ära zu Ende PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Rhein Zeitung   
Samstag, den 23. Mai 2009 um 11:09 Uhr
Handball: Höhepunkt der HSG Mülheim-Kärlich/Bassenheim war der Sprung aus dem Mittelmaß heraus in die zweite Bundesliga

Fast 30 Jahre HSG Mülheim-Kärlich/Bassenheim gehen heute Abend mit der Partie in Gensungen zu Ende. Unser Mitarbeiter Edgar Benz begleitete den Verein über viele Jahre als Reporter - und erinnert sich an schöne Momente.

MÜLHEIM-KÄRLICH. Der Schal dürfte mittlerweile zehn Jahre alt sein. Ob weiß und blau - weiß die Schrift, blau der Untergrund - wirklich die Farben der HSG sind, weiß ich bis heute nicht. Immerhin stehen die drei Buchstaben für Handball-Spielgemeinschaft darauf, außerdem ein Werbeträger - für mehr reichte der Platz nicht. Schon gar nicht für Mülheim-Kärlich/Bassenheim, jenes Namensmonstrum, an dem in den vergangenen drei Jahrzehnten so manche Feder zerbrochen sein dürfte. "MüKaBa" lautete oftmals die Rettung für diejenigen, die einen abrupten Zeilenumbruch vermeiden wollten; wer einen Zungenbrecher scheute, flüchtete zu den "Unaussprechlichen".


Die Zeiten, als die HSG Mülheim-Kärlich/Bassenheim vor vollem
Haus in der Sporthalle des Schulsportzentrums mit Spitzensportlern
wie Ex-Profi Zdravko Guduras (am Ball) Handball zelebrierte, sind
vorbei. Am heutigen Samstag steigt in Gensungen das letzte Spiel
der Handballspielgemeinschaft, ehe die HSG aufgelöst wird.
Heute Abend neigt sich das Kapitel HSG Mülheim-Kärlich/Bassenheim dem Ende zu, nach dem Gastspiel in Gensungen/Felsberg wird "unsere" HSG aus den Spielplänen der Handballligen verschwinden. Knapp 30 Jahre ist sie alt geworden, 1980 gegründet von den Muttervereinen TV Mülheim und der TV Kärlich, denen sich 1991 der TV Bassenheim anschloss. "Schon bei der Vereinigung 1980 war ein höherklassiges Engagement der HSG geplant. Die 2. Liga war das Ziel", heißt es in der Vereinsgeschichte, die auf der Website nachgelesen werden kann. Doch erst in der Saison 1997/98 gelang der Sprung aus dem Mittelmaß, als der Dreijahresplan "Aufstieg Zweite Bundesliga" ein Jahr früher als erwartet erfüllt werden konnte.

Finanziell lief es nie rund

Die drei Jahre, in denen sich die HSG in der Südgruppe der Zweiten Liga wiederfand, nun der sportliche Höhepunkt ihrer Geschichte oder - was Kritiker schon damals unkten - der Anfang vom Ende der Spielgemeinschaft sein würden, vermag ich nicht zu beantworten. Finanziell lief es nie richtig rund, von Anfang an wurde Lehrgeld gezahlt, mehr als einmal war die Kasse leer, der Rückzug nach drei Jahren eher erzwungen als freiwillig. Daran vermochte auch der zunächst optimistisch stimmende Sponsorenpool nichts zu ändern, der den der (überzogenen) Anforderungen des Zweitliga-Handballs letztlich nicht gewachsen war.

Warum sich meine Erinnerung an knapp 30 Jahre HSG Mülheim-Kärlich/Bassenheim am Aufstiegsjahr 1998 orientiert? Weil es für mich der Höhepunkt der HSG-Geschichte ist. Es war einfach ein klasse Handball, der hier geboten wurde. Wer wollte einen Arnoldas Skurdauskas am Torwurf hindern, wer den Blick eines Andrej Minevski zu durchschauen? Spätestens in den Play-offs am Ende der Gruppenrunde der Regionalliga West brach rund um Mülheim-Kärlich und Bassenheim das Handballfieber aus, und gut 1200 Zuschauer bejubelten in der restlos gefüllten "Orangenkiste" den finalen Erfolg gegen den TuS Jöllenbeck.

Gewiss, über den Kampf gegen den Abstieg ist die HSG in Liga zwei nicht hinausgekommen. Nach einer Premierenklatsche in Leutershausen musste bis zum letzten Spiel in Düsseldorf gezittert werden, ehe der Klassenverbleib feststand - trotz einer Niederlage nach fast 60-minütigen Unterzahlspiels. Jens Tiedtke, der damals nach drei Minuten vom Platz geflogen war, wird sich erinnern, welche Qualen er auf der Tribüne erlebte. Nur einmal stand die HSG ganz oben, nach einem Erfolg in Eschwege und dem anschließenden Heimsieg gegen den Meisterschaftsfavoriten und späteren Erstligisten SG Solingen. In der Halle der HSG Gensungen/Felsberg, wo nun der Schlussstrich gezogen wird, gab"s übrigens nie etwas zu holen.

In einem Rückblick Namen zu nennen, birgt stets die Gefahr des ungerechten Vergessens. Hermann-Josef Häring nicht zu nennen, wäre ebenso ungerecht. Dem "Aufstiegstrainer" gelang es, aus routinierten Spielern und aus Nachwuchskräften - ich denke an Jens Tiedtke oder Christoph Barthel - eine Mannschaft zu schweißen. Dass ausgerechnet "Hermi" die HSG dann wieder in die Regionalliga - diesmal die Südwest-Gruppe - zurück begleiten musste, gehört zu den Ironien der Geschichte. Dass er den Rückfall ins Mittelmaß nicht verhindern konnte, dürfte ihn selbst am meisten schmerzen.

Ein Ende mit Wehmut

Ob in diesen Zeilen ein wenig Wehmut anklingt? Ja. Denn gleichgültig, ob es nun die Zweite Bundesliga oder die vielen Jahre in der Regionalliga waren - tiefer ist die HSG Mülheim-Kärlich/Bassenheim nie gerutscht -, schöner Handball war allemal zu sehen. "Lange genug in der Regionalliga herumgegurkt" stand auf den schicken Aufstiegs-T-Shirts vor rund zehn Jahren. Jetzt wäre mancher Fan sogar froh, seine HSG könnte in dieser Klasse weiterspielen.

Gewiss, die Talente für eine Rückkehr in die Regionalliga sind vorhanden. Vorausgesetzt, sie können als Mannschaft gebündelt werden, um gegen die lokale Konkurrenz, die sich nicht minder berechtigte Hoffnungen machen darf, im Liga-Alltag bestehen zu können. Ob als TV Mülheim oder als TV Bassenheim - es wird sich zeigen, ob eine der Vereinsfarben noch einmal eine dominierende Rolle spielen kann. Für einen blau-weißen HSG-Schal ist die Zeit allerdings definitiv abgelaufen. Edgar Benz
Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 23. Mai 2009 um 11:14 Uhr